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Tricky Women Tricky Realities - Die Festivalleitung im Interview
Wir freuen uns sehr, Preisträger:innenfilme des letztjährigen TRICKY WOMEN TRICKY REALITIES im KINO VOD CLUB präsentieren zu dürfen. Welcher Film aus dem Programm ist euch persönlich besonders in Erinnerung geblieben und warum?
Alle Filme des Programms begeistern durch außergewöhnliche visuelle Sprachen und betonen das Potenzial von Animation, Strukturen aufbrechen und neu zusammensetzen zu können, bestehende Vorstellungen von der Realität zu hinterfragen und Handlungsoptionen zu schaffen. Animation überschreitet und verschiebt Grenzen, findet eine Sprache für Unsagbares und ermöglicht kritische Diskussion und Reflexion.
Der Film LA PERRA von Carla Melo Gampert hat uns alle auf verschiedene Weise begeistert und berührt! Der Film zeichnet ein vielschichtiges Bild einer Mutter-Tochter-Beziehung, erzählt von der Suche nach Sexualität und Intimität in Momenten des Erwachsen- und Unabhängig-Werdens. Darin faltet er auf, in welchem komplizierten Verhältnis sich diese Sehnsüchte mit Vorstellungen von Sicherheit und Geborgenheit befinden. Der Film wurde zu unserer großen Freude von der Jury mit dem Maria Lassnig Golden Film Reel ausgezeichnet.
Mit dem Film Tako Tsubu von Fanny Sorgo und Eva Pedroza präsentieren wir eine außergewöhnliche Position der österreichischen Animationswelt. Die humorvoll wie makaber gestaltete Erzählung über Herzschmerz und dem Wunsch, diesen aus dem Leben verbannen zu können, zeichnet sich nicht nur durch Kunstfertigkeit und erzählerische Raffinesse aus. Der Film übersetzt Wiener Galgenhumor in ein international und kollektiv nachvollziehbares Gefühl von heartbreak (und geteiltes Leid ist bekanntlich auch halbes Leid).
Was genau bewirkt dieses auf, für und mit Frauen und/oder genderqueeren Künstler:innen abgestimmte Festival im Hinblick auf das Animationsschaffen seit mittlerweile fast einem viertel Jahrhundert und warum ist es eurer Meinung nach so wichtig?
TRICKY WOMEN TRICKY REALITIES schafft seit über zwei Jahrzehnten feministische Räume, die in Solidarität und rücksichtsvoller Aufmerksamkeit gegenüber den Filmemacher:innen, ihren Werken, Erfahrungen und Perspektiven sowie der Community, die sich mit ihnen auseinandersetzt, wurzeln. TRICKY WOMEN TRICKY REALITIES hebt nicht nur die transformative Kraft des Erzählens an der Schnittstelle von Kunst und Gendergerechtigkeit hervor, sondern befasst sich kritisch mit (Un-)Sichtbarkeiten von Frauen und/oder genderqueeren Personen und deren künstlerischem Schaffen. Wir beleuchten Animation nicht nur als Medium, das neue Ausdrucksmöglichkeiten schafft und unser Vokabular erweitert, um komplexe Realitäten zu erfassen und zu artikulieren, sondern hinterfragen durch unsere inhaltliche Ausrichtung hegemoniale Erzählungen und (Film-)Geschichtsschreibung.
Waltraud, du bist mit der Gründung fester Bestandteil des Festivals. Seitdem ist viel Zeit vergangen. Welche Veränderungen siehst du in Puncto Frauen im Österreichischen Film, aber auch in der Wahrnehmung des Festivals? Gibt es einen besonderen Moment in den 24 Jahren, den Du mit uns teilen möchtest?
Als wir TRICKY WOMEN TRICKY REALITIES vor 24 Jahren ins Leben gerufen haben, war die Sichtbarkeit von Frauen und/oder genderqueeren Künstler:innen im österreichischen Film marginal. Strukturelle Barrieren, eine männlich dominierte Förderlandschaft und ein mangelndes Bewusstsein für genderbedingte Ungleichheiten prägten die Branche. Heute sind Veränderungen spürbar: Gender-Quoten und Fair-Pay-Diskussionen sind Teil filmpolitischer Debatten. Dennoch bleibt viel zu tun – insbesondere im Hinblick auf die nachhaltige Verankerung von Gleichstellung in Entscheidungsstrukturen und eine faire ökonomische Absicherung.
TRICKY WOMEN TRICKY REALITIES hat nicht nur dazu beigetragen, feministische Perspektiven in der Animationsfilmbranche sichtbarer zu machen, sondern fördert auch die kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen. Besonders berührend sind die Momente, in denen Künstler:innen uns mitteilen, dass das Festival nicht nur ihre Filme sichtbar gemacht hat, sondern auch ihre Position im filmischen Diskurs gestärkt wurde. Diese Rückmeldungen verdeutlichen, dass TRICKY WOMEN TRICKY REALITIES weit mehr ist als ein Festival – es ist eine lebendige Plattform, auf der feministische Filmgeschichte aktiv mitgeschrieben wird. Bis heute begeistert es uns, dass Animation ein nahezu grenzenloses Ausdrucksmittel ist, um Themen zu behandeln, die sich oft nur schwer in Worte fassen lassen. Und jedes Jahr kommen neue Stimmen und innovative Ansätze hinzu!
Mit dieser Ausgabe gestaltet und leitet ihr das Festival nun kollektiv zu dritt, wobei Lara und Lisa als Kuratorinnen bereits seit 2022 im Festivalteam arbeiten. Wer ist in dieser Dreierspitze wofür verantwortlich und wo seht ihr die Herausforderungen beim diesjährigen Festival?
In dieser neuen Konstellation besteht das Ziel darin, das, was in den letzten Jahrzehnten geschaffen wurde, zu schätzen und zu fördern und gleichzeitig aktiv Offenheit gegenüber neuen und vielfältigen filmischen und feministischen Positionen zu praktizieren. Das Festival möchte Gemeinschaft fördern und weiterhin feministischen Raum für Kollektivität, Austausch und Lernen schaffen. In der Praxis agieren wir so, dass die inhaltliche Gestaltung des Festivals und der vielen Kooperationsveranstaltungen, die unter dem Jahr erarbeitet werden, kollektiv stattfindet – unsere verschiedenen Kompetenzen, Erfahrungen, Ideen, Gedanken und Netzwerke sollen sich ergänzen, zusammenfinden und das Programm bereichern. In der Umsetzung der gemeinsamen Ideen und gestalteten Inhalte teilen sich unsere Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten dann auf. Jede von uns ist verantwortlich für unterschiedliche Arbeitsbereiche, an die auch wiederum die Betreuung von und Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Arbeitsgruppen, Teammitglieder und Partner:innen geknüpft ist.
Auch programmatisch legt ihr dieses Jahr einen Schwerpunkt auf das kollaborative Arbeiten. Was erwartet uns da und was sind eure persönlichen Programmhighlights?
TRICKY WOMEN TRICKY REALITIES widmet sich dieses Jahr vermehrt der Auseinandersetzung mit – und Sichtbarmachung von – Allianzen. Kollaborative wie solidarische Netzwerke sowie künstlerische, intime und politische Kompliz:innenschaften werden aus unterschiedlichsten Erfahrungen und feministischen Blickwinkeln heraus beleuchtet. Das kuratierte Filmprogramm Alliances erforscht beispielsweise diese besonderen Verbindungen, transgenerationale Netzwerke, widerständigen Gruppierungen und chosen families, die Räume und Schlupflöcher des Widerstands und der Fürsorge in einer patriarchal strukturierten Welt darstellen.
Aber auch abseits solcher Programmpunkte wollen wir durch TRICKY WOMEN TRICKY REALITIES feministische Orte schaffen, die inhärent kollektiv sind – an denen Verbindungen und Beziehungen entstehen, die Möglichkeiten schaffen, Hierarchien herauszufordern und ein Gefühl von Sicherheit und kollektiver Freude herzustellen und zu genießen. In diesem gegenwärtigen Moment ist es unser Ziel, nicht nur die Notwendigkeit von Allianzen zu betonen, sondern sie aktiv zu fördern, zusammenzukommen, Mitstreiter:innen zu finden und Bindungen zu schaffen.
Vielen Dank für eure Zeit!
Unser Onlineprogramm mit den letztjährigen Preisträger:innenfilme findet ihr hier. Vom 5. bis 9. März 2025 findet das internationale Animationsfilmfestival Tricky Women Tricky Realities in Wien auf großer Leinwand und teilweise online statt. Zum zweiten Mal widmet Tricky Women Tricky Realities eine eigene Wettbewerbskategorie Arbeiten aus dem Bereich der Virtual Reality. Die Personale ist der US-amerikanischen Independent-Künstlerin Gina Kamentsky gewidmet. Ein Schwerpunkt liegt dieses Jahr auf der Auseinandersetzung mit Allianzen und künstlerischen Kompliz:innenschaften. Das gesamte Festivalprogramm findet ihr hier.