NOISY RUPTURES: Aktuelle Animationen österreichischer Künstler:innen
Tricky Women Tricky Realities präsentiert eine freudvolle Auswahl an aktuellen Animationsarbeiten von Frauen und/oder genderqueeren Künstler*innen aus Österreich. Diese sechs Filme zeigen die Verspieltheit, den Humor und die Experimentierfreude der österreichischen Animationsszene. In Konstellation bieten sie einen Einblick in die österreichische Animationslandschaft, die historisch wie gegenwärtig von starken weiblichen und/oder genderqueeren Positionen geprägt ist. Vor allem sollen die Filme auch Vorfreude auf Tricky Women Tricky Realities 2026 machen!
WO ICH WOHNE/WHERE I LIVE Susi Jirkuff, AT, 2022, 11min
In WO ICH WOHNE zeichnet Susi Jirkuff den plötzlichen Abstieg einer Person nicht nur erzählerisch, sondern Bild für Bild auch visuell nach. „Ich wohne seit gestern einen Stock tiefer“, sagt da die Protagonistin gleich zu Beginn. Doch keiner der Menschen in ihrer Umgebung reagiert auf diesen doch außergewöhnlichen Umstand. In der auf einer Erzählung Ilse Aichingers (1921–2016) beruhenden Animation Jirkuffs entwickeln die Elemente des Hauses ein Eigenleben. Neben dem Handlauf und der Tapete bleibt auch die weiße Zeichenfläche nicht unberührt: Jirkuffs Kohlestriche und der Kohlenstaub aus Aichingers Text färben diese grau (denn im Keller, wo die erzählende Stimme schließlich landet, wird Kohle gelagert). Wie schon in „Vermessung der Distanz“ (2019) interessiert sich Susi Jirkuff hier nicht nur für die Räumlichkeit des Hauses, sondern auch für das (Nicht-)Verhalten der Mitmenschen. Niemand fragt: „Wohnten Sie nicht gestern noch neben uns?“ (Andreas Dittrich)
SIE PUPPT MIT PUPPEN/SHE DOLLS WITH DOLLIES Karin Fisslthaler, AT, 2024, 3min
Porträts aus alten Filmen und Magazinen angeeignet und anonymisiert: Hinter ausgestanzten Köpfen flirren strahlende Tulpen und stachelige Kakteen. Die Blumen rotieren, tanzen, pulsieren. Gerahmt von glänzendem Haar, Perlenketten und Abendkleidern oder grauen Uniformen entwickelt sich ein botanischer Fiebertraum. Im Gegensatz zum vitalistischen Blumenbilderrausch ist die Rahmung starr und in Schwarzweiß. Dazu erklingt Kurt Schwitters’ Gedicht „Sie puppt mit Puppen“ aus dem Jahr 1944. Schon zu Beginn wird es fragmentiert, Zeilen purzeln hin und her, bis die Wörter sich im elektronischen Beatbox-Teppich auflösen. Aus dem rhythmisch-zerstückelten Geplapper kristallisieren sich einzelne Worte. Am Ende ist der kurze Text chronologisch in Gänze zu hören. Das Video von Karin Fisslthaler entstand als visuelle Interpretation dieses Audiostücks von Anna Clementi und Thomas Stern, das Schwitters’ Gedicht umwandelt und dabei dessen Interesse an Dekomposition und Dekonstruktion aufgreift. (Charlie Bendisch, Friederike Horstmann)
SUBOTOPIC Nikki Schuster, AT, 2023, 7min
In SUBOTOPIC taucht der Blick unter die Wasseroberfläche abwärts in immer tiefere Unterwasserwelten. In gemorphter Einzelbildschaltung ziehen bizarre Bildgewächse und Insektenwesen am Betrachter vorbei. Man taucht in lichtlose Räume, bis man erneut eine Lichtfläche durchdringt. Immer tiefer tauchend werden existierende Parallelwelten unter Wasser sichtbar gemacht und neue Utopien erzeugt. Oben und Unten, Innen und Außen lösen sich auf. Ein Tauchgang in eine mystische Unterwasserwelt, wo Realität und Utopie aufeinandertreffen.
HAPPY DOOM Billy Roisz, AT, 2023, 4min
2022: A Spaced Out Odyssey. Eine Trip-Erfahrung, die genau jene Bewusstseinsebenen bzw. ihre Auflösung bereithält, die auch der Konsum bestimmter Rauschmittel ermöglicht. In den nur drei Minuten der filmischen Bewegung von HAPPY DOOM kann ich den Eindruck gewinnen, durch die Leinwand hindurch in einen alternativen Raum zu fallen, kurz an das Material der Leinwand – ihre materielle Realität – erinnert werden und im selben Moment einer Reise ins Innere meines Auges beiwohnen. Die Grenzen zwischen Innen und Außen, mir und der Welt, dem Virtuellen und dem Materiellen werden durchlässig, uneindeutig, hinfällig: Ich bin Ursprung und Objekt eines Blicks, ich bin tatsächlich da und verloren gegangen, sitze im Kino und falle durch Raum und Zeit, alles ist im Fluss in einer unendlichen, nicht abzuschließenden Kreisbewegung. (Alejandro Bachmann)
TAKO TSUBO Fanny Sorgo & Eva Pedroza, AT, 2024, 6min
Herr Ham entscheidet sich für eine Herzentfernung, um von seinen komplizierten Gefühlen entlastet zu werden. Der Arzt versichert ihm, dass dies in der heutigen Zeit überhaupt kein Problem mehr darstelle. Nachdenklich veranlagt behält Ham jedoch sein Herz nach der Entfernung noch eine Weile, um dieses vielleicht doch noch besser zu verstehen. TAKO TSUBO* ist eine animierte, surrealistische Reflexion über den Umgang mit Gefühlen in einer Leistungsgesellschaft.