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Diagonale'25 Preisträger:innen - Programmschwerpunkt
Jedes Jahr aufs Neue präsentiert die Diagonale das aktuelle heimische Filmschaffen in seiner Vielfalt. Die Preisverleihung ist dabei immer ein besonderers Highlight. Zur Einstimmung haben wir ein Programm mit letztjährigen Preisträgerfilmen zusammengestellt.
Mo Harawe & Mostafa El Kasheef & Freibeuter Film für THE VILLAGE NEXT TO PARADISE
Der Film beginnt mit dem Einschlag einer Kampfdrohne. Dort, wo das Nachrichtenbild endet, eröffnet er seine Erzählung an einem uns fernen Ort und in einer entschleunigten Zeit. Mit einem feinen Gespür für Zwischentöne inszeniert er seine Figuren und ihr Tempo und entwickelt dabei seine behutsame Wucht. Die Beziehungen der Figuren zueinander lassen sich lange nur erspüren, bevor sie stückchenweise offengelegt werden und ihre Bedeutung entfalten. Dabei gelingt es dem Film, en passant andere gesellschaftliche Zusammenhänge aufzuzeigen, die sich im Verhältnis der Figuren etwa zu Geld, zu Schulden oder zur Gerichtsbarkeit niederschlagen. Und immer wieder zieht das Geräusch der Kampfdrohnen aus dem Off über die Köpfe der Figuren hinweg und erinnert uns an die Begrenztheit von Nachrichtenbildern. Ein politischer Film, der nicht laut werden muss – und gerade dadurch Hoffnung macht: durch seinen zarten, liebevollen Blick auf die Figuren und ihr Miteinander.
Lisa Polster für BÜRGLKOPF
Der Blick auf die pittoreske Berglandschaft Tirols verändert und verfremdet sich mit jeder Einstellung, mit jedem Schnitt. Was für die einen Wandergebiet und Wochenend-Erholung ist, ist für die anderen Gefangenschaft. Oben auf dem Berg, in 1300 Metern Höhe, sind Menschen untergebracht, die auf der Flucht sind und auf den Ausgang ihres Asylverfahrens warten. Die Verweigerung der Drehgenehmigung bedingt die künstlerische Form. Lisa Polster lässt nicht locker, und es gelingt ihr, die Kontaktaufnahme mit einigen Männern vom Rückkehrzentrum Bürglkopf. Die offene Bildgestaltung setzt die Gespräche der Männer – die unter anderem aus Syrien, dem Irak, dem Sudan kommen – ins Verhältnis zum Hintergrund der alpinen Landschaft und darin den Fremdenverkehr und wiederum ins kommentierende Verhältnis der lokalen Bevölkerung. Diese profitiert auch davon und heuert nach Bedarf billige Arbeitskräfte an. So entsteht nach und nach ein Perspektivwechsel, ein komplexes Bild von österreichischer und europäischer Migrationspolitik, von Alltagsrassismus. Die Regisseurin Lisa Polster und ihre Kamerafrau Jasmin Schwendinger verschieben grundlegend den Begriff der schönen Aussicht.
Michael Gülzow für DER TOTE WINKEL DER WAHRNEHMUNG
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. Bester innovativer Film, Experimental- oder Animationsfilm Jury: Hephzibah Druml, Günther Holler-Schuster, Olena Newkryta Dieser Film ist bald online verfügbar. Begründung der Jury: |
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,Was muss passieren, damit Sie Ihre Theorie nicht mehr glauben?‘ Mit dieser Frage beginnen zwei angehende Filmstudentinnen in Michael Gülzows Film Der tote Winkel der Wahrnehmung ihr Interview mit einem Verschwörungstheoretiker. Wir befinden uns im Wien des Jahres 1996, für einen Dokumentarfilm begeben sich Alina und Flora auf die Suche nach paranormalen Phänomenen. In zugänglicher, intelligenter und gleichzeitig humorvoller Art zeigt Gülzow die beiden bei der Produktion ihrer Aufnahmearbeit vor und hinter der Kamera. Dabei verknüpft er durch raffinierte Montagen Found Footage aus dieser Zeit mit selbst gefilmtem Material, um die Grenze zwischen Fiktionalem und Dokumentarischem aufzulösen. Durch die offensichtlich verwendeten Techniken vermeidet es der Filmemacher, Illusionen zu erzeugen, vielmehr dekonstruiert er die Mechanismen von Manipulation – und damit auch die Funktionsweise von Verschwörungsmythologien. Gerade heute, in einer Zeit, in der Fake News einen prägenden Einfluss haben und sowohl politisch als auch ideologisch genutzt werden, ist diese Thematik drängender denn je. In einer wirkungsvollen Glitch-Ästhetik und ohne Klischees zu bemühen, entwickelt Gülzow eine dichte Darstellung dessen, was von Aluhüten, Echsenmenschen und Mottenmännern zu erwarten wäre.
Josephine Ahnelt für lll
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. Bester Kurzdokumentarfilm Jury: Anatol Bogendorfer, Bernhard Hetzenauer, Angelika Reitzer Begründung der Jury: |
Das Sprechen über Krankheit – zumal die eigene und umso mehr eine so schwere wie die Krebsart Mantelzelllymphom – erfordert ein hohes Maß an Vertrauen des Betroffenen gegenüber dem Gegenüber. In der künstlerischen Arbeit bedeutet es eine große Verantwortung. Die Filmemacherin Josephine Ahnelt löst dies mit einer bestechend genauen filmischen Arbeit ein. Vom analogen Film kommend, wählt Ahnelt ihre Drehformate immer gemäß den erzählerischen Notwendigkeiten und Möglichkeiten, mischt präzise kadrierte Filmbilder mit Videofragmenten und Selfies des Protagonisten, wobei sich die unterschiedlichen Materialien erhellend und exakt zu einer größeren Filmerzählung zusammenfügen. Die Empathie und die Komplizenschaft, die die Regisseurin zu ihrem Protagonisten im Laufe des Films herstellt, machen diese Arbeit zu einem großen Geschenk. Albert Farkas ist ein entwaffnender und schonungslos humorvoller Protagonist, dessen Reflexion über die eigene Krankheitsgeschichte hinausweist. Dabei stellt lll auch Fragen zum Zusammenhang von Krankheit, transgenerationalen Traumata und dem Umgang damit innerhalb eines Freundeskreises. Dem Film gelingt es so, die tiefsinnigen Gedanken des Protagonisten aufzugreifen und in eine ins Offene weisende, Hoffnung schöpfende Filmerzählung zu überführen, was ihn zu einem cineastischen Glücksfall macht!
Florentina Holzinger & Roland Stöttinger für MOND
Ihre Fähigkeit, Widersprüchliches in sich zu vereinen, also mit ihrer Präsenz schon alles rundherum in Frage zu stellen, macht Florentina Holzinger zu einer echten künstlerischen Ausnahmeerscheinung, die sich in ihrer eindrucksvollen Biografie in allen Genres – von Performance über Theater bis hin zur Oper – manifestiert hat. Jetzt ist sie in Kurdwin Ayubs Mond auch im Film gelandet: Die introvertierte Ausstrahlung und die verletzliche Resilienz, mit der sie die Kampfsportlerin Sarah zeichnet, sowie ihre besondere Fähigkeit, nicht sprechen und auch nicht spielen zu müssen, um uns an ihrem Innenleben teilhaben zu lassen, machen Florentina Holzinger für das Kino zu einer großartigen Protagonistin.
Scheinbar ohne großes Zögern fällt die Hauptfigur in Mond ihre Entscheidungen – und die Montage treibt uns gemeinsam mit ihr direkt von einer Szene in deren Konsequenz: Schon sind wir mittendrin, und wie ließe sich jetzt noch sagen: Was ist wahr, was ist richtig? Montage und Erzählung entsprechen auf präzise Weise in diesem außergewöhnlichen Film, der mehr Fragen stellt, als er Antworten gibt. Und obwohl die Reise am Ende nach Hause zurückführt, bleibt wenig Heldenhaftes an der Rückkehr.
Marie-Luise Stockinger für GINA
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. Diagonale-Schauspielpreis 2025 Jury: Ute Baumhackl, Christian Konrad, Maria Köstlinger, Johanna Orsini, Michael Sturminger Begründung der Jury |
Ohne Illusionen, ungeschminkt und gänzlich unsentimental verkörpert Marie-Luise Stockinger die mit ihrem vierten Kind schwangere, völlig überforderte junge Mutter Gitte, die zwischen Alkoholsucht und auftauchenden Resten verschütteter Lebenslust unterzugehen droht. Ihre schonungslos uneitle Darstellung dieser scheiternden jungen Frau hat uns überzeugt und macht diese alltäglich-brutale Geschichte von Ulrike Kofler zu einem nahegehenden Film über das Leben und die Not inmitten unserer Gesellschaft. Marie-Luise Stockingers Mut und Wahrhaftigkeit verleihen ihrer schwierigen, scheiternden Figur sogar Würde und Hoffnung.
Serafin Spitzer und Serhiy „Stefan“ Stetsenko & Mariia Nesterenko und Andrii Rogachov für DEAR BEAUTIFUL BELOVED
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. Beste künstlerische Bildgestaltung Dokumentarfilm . Bestes Sounddesign Dokumentarfilm Jury: Annett Busch, Stefan Neuberger, Christof Schertenleib Begründungen der Jury: |
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Die Kamera-Arbeit folgt der radikalen und klaren Entscheidung des Filmemachers: die der Hinwendung, die zugleich eine Abwendung bedeutet. Wem wird Aufmerksamkeit zuteil und wem nicht? Wie lässt sich die Arbeit jener zeigen, die sich um Alte und Tote kümmern, die die Würde des Einzelnen verteidigen, als Widerstand gegen die Logik des Krieges, der genau das vernichtet? Der Kamera gelingt es, in beengten Räumen, in denen physische Nähe unvermeidbar ist, jene notwendige Balance von respektvoller Nähe und nüchterner Distanz zu bewahren: Sie zeigt ein Sichtbarwerden von Körperpolitik als zwischenmenschliches Verhältnis. Die Bildgestaltung macht Verwundbarkeit sichtbar, Trauer, Erschöpfung, Durchhalten, Weitermachen und ermöglicht dabei einen erweiterten Blick auf den Angriffskrieg in der Ukraine.
,Wir müssen noch die Musik anmachen.‘ Ansonsten sei die Szene nicht wie sie sein solle. Ein Moment Pause wird eingefordert, bevor der Sarg aus der Leichenhalle getragen wird. Es ist der erste und einzige Moment zum Ende hin, in dem Musik auftaucht. Sound wird nie als Emotionsverstärker eingesetzt. Sirenen aus der Ferne warnen vor drohender Gefahr. Von der Volkstanzgruppe spricht die junge Beifahrerin im Leichentransporter. Musik als Erinnerung an eine Zeit vor dem Krieg. Der Intensität auf der Bildebene begegnet das Sounddesign mit Zurückhaltung und sensibilisiert so für die Geräusche der Räume und die Stimmen der Menschen. Zum Abspann erst entsteht aus zaghaft verdichteten Tönen eine Melodie.
Benedikt Palier für BLUISH
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. Bestes Sounddesign Spielfilm Jury: Hans Broich, Malika Rabahallah, Nele Wohlatz Begründung der Jury: |
Der Ton in Bluish dient als Vehikel, um spielerisch Grenzen zu überwinden: zwischen den geschlossenen Räumen, die seine Figuren bewohnen, und der Außenwelt; zwischen Filmraum und Kinosaal. Einmal wandert der Klang vom Handy-Lautsprecher einer Figur auf den Surround-Ton im Saal und führt zu einer kollektiven Meditationsübung. Mit seiner feinen Tongestaltung erinnert uns Benedikt Palier daran: Das Kino ist eine Flüchtigkeit aus Dunkelheit, Licht und Schall – und gerade weil das so ist, sind dem filmischen Erzählen keine Grenzen gesetzt.
Klaudia Kiczak & Monika Buttinger für PERLA
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. Bestes Szenenbild . Bestes Kostümbild Jury: Hans Broich, Malika Rabahallah, Nele Wohlatz . Diagonale-Publikumspreis Begründungen der Jury: |
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Perla ist ein Film, der uns sinnlich und atmosphärisch auf eine düstere Reise mitnimmt, zurück in die frühen Achtziger, auf diese und auf die andere Seite des Eisernen Vorhangs. Anfangs lustvoll und mysteriös, zunehmend eng, und schließlich in ein Dorf, das aller Zeit entrückt scheint. Hier werden Nebel, Fels und Wasser Teil der Bühne und des Traumas und es wird deutlich: um die Geschichte zu überwinden, muss sie erst einmal erzählt werden. Das Szenenbild von Klaudia Kiczak schafft Räume, die die innere Zerrissenheit der Figuren spürbar werden lassen.
Das Kostümbild im historischen Drama Perla unterstreicht gekonnt die geografischen und sozialen Bewegungen der titelgebenden Hauptfigur – Perla. Kleider machen Leute, im Falle von Perla ist das der Aufstieg einer alleinerziehenden Kunststudentin ins bürgerliche Wiener Milieu und zurück in ihre Vergangenheit in der kommunistischen Tschechoslowakei. Monika Buttingers Kostüme tragen die Figuren durch die turbulente Handlung und kleiden sie, ohne zu verkleiden.
Dorit Chrysler für HAPPYLAND
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. Beste Filmmusik Spielfilm Jury: Hans Broich, Malika Rabahallah, Nele Wohlatz Begründung der Jury: |
Die Protagonistinnen des Films sind Musikerinnen und umgekehrt: Die Musik ist Dreh- und Angelpunkt einer Erzählung, die ihre Figuren ernst nimmt in ihren Sehnsüchten, ihrem Pathos und Humor. Dorit Chryslers Kompositionen tragen den Film nicht nur – sie verbinden Welten, erzählen von Aufbruch und Fragilität und bleiben dabei eigenwillig.
Ruth Beckermann Filmproduktion für FAVORITEN
Mit Favoriten ist Ruth Beckermann ein Dokumentarfilm gelungen, der einen faszinierenden und einfühlsamen Einblick in den Alltag einer Volksschul klasse im Wiener Bezirk Favoriten ermöglicht. Über einen Zeitraum von zwei Jahren begleitet die Kamera unaufdringlich und auf Augenhöhe eine außer ordentlich engagierte Lehrerin und ihre bunt durchmischten Schüler:innen. (…) Ruth Beckermann spürt seit vielen Jahren gewichtige Themen für ihre Dokumentarfilme auf und stellt Menschen in ihrer Komplexität und im gesellschaftspolitischen und kulturellen Kontext dar. Bei Favoriten ist ihr das in besonderem Maße geglückt. Ihre herausragende produzentische Leistung besteht darin, dass sie und ihr Team mit großer Ausdauer und Sensibilität Vertrauen bei ihren Protagonist:innen aufgebaut haben und in die Klassengemeinschaft aufgenommen wurden. Nur so war es möglich, die Kinder unbefangen und natürlich agierend aufzunehmen und die authentischen Momente des Lernens und Zusammenlebens in diesem Mikrokosmos in eine universelle Geschichte über Bildung, Herkunft und Zukunft zu verwandeln.









